04. Juni 2026
Die große Podiumsdiskussion in der Felto Filzwelt zum Thema Arbeitslohn in Werkstätten für Menschen mit Behinderung
Moderiert wurde die Diskussion von Lea Evers, Schülerin an der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe Soltau, und Jan-Kevin Kaiser, Vorsitzender des Werkstattrats des Heidewerks. Der Veranstaltungsraum der Felto Filzwelt war bis auf den letzten Platz gefüllt – viele sichtlich bewegte Angestellte, Angehörige und Interessierte, die endlich ihre Fragen an ein System stellen konnten, das sie täglich betrifft.
Marcus Bleßmann vom Heidewerk-Vorstand wünscht sich auch, dass alle Menschen zum Mindestlohn in den Werkstätten arbeiten können. Das ist aber aus dem Wirtschaftsergebnis nicht möglich und braucht deshalb eine Unterstützung durch die Politik. Michael Denecke, 2. Vorsitzender des Werkstattrats, nannte das beim Namen: Es sei entwürdigend, arbeiten zu gehen und sich davon keinen Urlaub leisten zu können.
Constantin Grosch (SPD) wies darauf hin, dass nicht nur die Werkstätten von diesem System profitieren – große Unternehmen lagern Aufträge zu Preisen aus, die auf dem ersten Arbeitsmarkt niemand akzeptieren würde. Er fordert die Abschaffung der Vermögens- und Einkommensanrechnung (Pooling-Modell), damit Verdienst nicht sofort anderweitig weggerechnet wird. Ausgelagerte Arbeitsplätze, die über Jahre bestehen bleiben, seien kein Übergang – sondern Dauerbeschäftigung weit unter Mindestlohn.
Paul Kaib von der Lebenshilfe Soltau brachte ein Beispiel mit, das die Absurdität auf den Punkt bringt: Jürgen Linnemann erhält das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz für andere Menschen mit Behinderung – und arbeitet gleichzeitig für kaum mehr als ein Taschengeld. Er klagt nun vor dem Arbeitsgericht Münster, unterstützt von der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Paul Kaib sagt zudem, das System sperrt Menschen mit Behinderungen in eine Art „Sonderwelt“ ein, statt sie wirklich in die Arbeitswelt zu integrieren.
Gerhard Suder, Vorstand/Geschäftsführer der Lebenshilfe Soltau e.V., mahnte zur Differenzierung: Die Werkstätten seien nicht die Urheber des Problems, sondern Vollstrecker einer politischen Rahmensetzung – man solle nicht den Kellner für das schlechte Essen verantwortlich machen. Es geht darum, eine heterogene Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Einschränkungen zu begleiten, die alle in der Werkstatt aufgenommen werden müssen. Seit 50 Jahre wird das Thema Entgelt in Werkstätten diskutiert. Er fordert ein mutiges Handeln der Politik und wiederholt das Zitat von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.
Dr. Karl-Ludwig von Danwitz (CDU) antwortete auf die Frage nach der Lobbyarbeit für Menschen mit Behinderung: Jeder sei an seinem Platz gefordert. Eine Podiumsdiskussion wie diese sei ein wichtiger Schritt, die Interessen der Werkstattbeschäftigten publik zu machen.
Constantin Grosch wurde noch konkreter – und persönlicher: Wer trägt eigentlich die Verantwortung für eine Behinderung? Als selbst Betroffener antwortete er klar: niemand, der sie hat. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Menschen mit Behinderung ein würdiges Leben zu ermöglichen.